Koffer kommen mit Menschen

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Koffer kommen mit Menschen

 

31.August 2017 / Mirjam Weiss

«SICH FINDEN, Klänge – Bilder – Begegnungen», rund um die Reformierte Kirche Zug fand eine Veranstaltungsreihe mit Geflüchteten statt

 

Erst noch schwitzen wir bei schwülen 30 Grad in der prallen Sonne – heute regnet es Bindfäden auf den Landsgemeindeplatz. Die Gesichter sind ernst. Siebzehn Menschen, Kinder und Frauen, mehrheitlich Männer, sitzen auf ihren Koffern. Wer sind sie? «Ich bin Adam aus Afrika» «Ich bin Amina aus Syrien» «ich bin …» Megafone verkünden Namen und Orte in verschiedenen Sprachen. Wissen wir nun mehr? Die Menschen stehen auf, laufen in einer langen Kolonne los. Der Regen rinnt in die Kragen.

 

«Stopp! An die Wand! Hände über den Kopf! Beine grätschen!» Ein unsichtbarer Kommandant zwingt die Leute an der Mauer unter dem Regierungsgebäude zu warten. Keiner wagt sich zu regen. Der Stein unter den Händen gräbt sich in die Haut. Die Haare werden nass, die Kapuze schwer.

 

Ein Ruf. Plötzlich spurtet einer los, die andern ihm nach. Ein Handgemenge um die Habseligkeiten, «wo ist mein Koffer?!» Schon rennen alle, so schnell sie können, blindlings weiter. Bis zur Grenze, wo gar nichts mehr geht. Menschen stehen Menschen gegenüber. Die einen wehren mit erhobenen Händen ab, die andern bleiben am «Zaun» hängen, frieren in der Bewegung ein.

 

Über 30 Geflüchtete aus verschiedenen Ländern waren am Projekt «Kofferorchester» engagiert. Sie haben die Szenenabfolge, die wir gerade an der Zuger Seepromenade beobachten, nach ihren eigenen Erinnerungen, in Zusammenarbeit mit den beiden Schweizern Simon Berz, Musiker und Klangkünstler und dem Pantomimen und Tänzer Gabriel Obergfell, entwickelt. 17 von ihnen haben das Drama am Donnerstag, 31. August, aufgeführt. Dem Wetter war es geschuldet, dass nur wenige Zuschauende zugegen waren, die meisten wohl aus den Kreisen der organisierenden Gruppierungen:
FRW Interkultureller Dialog, CityKirche und Asylbrücke Zug.

 

Zurück zum See: Die Erstarrung löst sich, eine Freude kommt auf, als gingen die Kofferträger in die Ferien. Das Gepäck scheint plötzlich schwerelos. Kinder und Erwachsene schwingen ihre Arme durch die Luft, lachen und tanzen … bis dahin, wo der Quai am Wasser endet. Hier besteigen sie den «Bus» und biegen in die Katastrophenbucht ein und warten dort in fröhlicher Stimmung auf Adam. Der schwarze Mann hat den Weg übers Wasser genommen. Er schwimmt am Springbrunnen vorbei. Sein Koffer ist knallrot wie eine Rettungsweste.

 

«Ich bin übers Meer nach Europa gekommen … 130 Menschen in einem kleinen Schlauchboot … und kein Wasser zum Trinken ...» Adam steht bis zur Hüfte im See und erzählt von seiner Rettung und Ankunft. Während er über seine Hoffnungen spricht, lenkt er unseren Blick auf den Künstler, der mit seinem Koffer auf «das Meer» hinausschwimmt … Auf den Regenschirmen der Zuschauenden klopft der Regen. Dieses Geräusch und fremde Klänge verschlucken Adams Worte. Im Hintergrund spielt der Strassenmusiker Henok aus Eritea auf einem traditionellen Instrument aus Holz und Saiten, das er selbst gebaut hat. Wohin mit unseren Ohren und Augen? Die Szene wirkt bizarr, verstörend. Wo sind wir? Wo zwischen Himmel und Erde sind wir alle zuhause?

 

Wenig später in der Reformierten Kirche. Der Flüchtlingshaufen stürmt in den Raum, angetrieben von einer hohen Stimme. Die Koffer krachen auf einen Haufen. Die Geflüchteten fallen über sie, bleiben liegen. Später werden sie sich auf die Koffer setzen und sie als Schlagzeuge benutzen - ein Konzert geben, zusammen mit Oud, Gitarre und Flöte. Mit Ausdauer werden die geflüchteten Menschen ihre Energie im rhythmischen Widerhall durch den Raum fliegen lassen.

 

Zwischendurch singen Kinder Lieder und lesen Frauen ihre Geschichten vom Blatt. Sie stehen mitten in den Koffern. Was sagen sie? … sie haben kein Mikrofon. «Wie im richtigen Leben», sagt Simon Berz.

 

Wie laut müssen Geflüchtete, Randständige, Ausgestossene verstärkt werden, damit man sie hört? Wer wagt sich näher, um sie zu hören?